Bauchtänzerin Lina

Orientalischer Tanz in Europa

Der Orientalische Tanz ist in Europa und den USA vor allem unter dem Begriff "Bauchtanz" bekannt. Dies ist jedoch eine Wortkreation europäischer Orientreisender des 15. bis 19. Jahrhunderts, die mangels eines Begriffs für diese (dem durch starre Beintänze geprägten Europäer) fremde Tanzart, bei der vor allem die intensiven Bewegungen der Körpermitte auffielen, versuchten zu beschreiben, was sie bei diversen Tanzdarbietungen gesehen hatten. So entstanden Begriffe wie Steiß-, Rumpf-, oder Bauchtanz. Im arabischen Sprachraum existiert dieser Begriff nur als reine Übersetzung (hazz el batn) mit negativem Touch und wird nicht als Begriff für den Orientalischen Tanz verwendet.

Im späten 19. Jahrhundert fand der Bauchtanz Einzug in die amerikanischen und europäischen Unterhaltungsetablissements und kollidierte dort mit den westlichen Moralvorstellungen. Nicht immer ohne Grund wurde er mit Striptease und freizügiger Männerunterhaltung gleichgesetzt, wodurch dem Begriff Bauchtanz bis heute eine negative Note anhaftet.

Seitdem erlebte der Bauchtanz trotz seines anfangs negativen Images regen Zulauf. Zuerst in den USA, dann auch in Europa entdeckten Frauen diesen Tanz für sich, stellten Projekte, Kurse und Tanzschulen auf die Beine und arbeiten bis heute daran, den Ruf dieser Tanzart zu verbessern. Waren dafür vor zwanzig bis dreißig Jahren die Möglichkeiten noch begrenzt, gibt es heute einen regen Austausch zwischen orientalischen und europäischen Tänzerinnen, Dozenten, Designern und Musikern. Die negative Note des Begriffes "Bauchtanz" hat heute etwas an Intensität verloren. Dazu spricht man heute viel lieber vom korrekt aus dem Arabischen übersetzen "Orientalischen Tanz" (raqś šarqī).

Die Geschichte des Orientalischen Tanzes:

Obwohl es äußerst vage ist, feste Aussagen über die Entwicklung des Orientalischen Tanzes zu treffen, wird vermutet, dass diese Tanzform aus den alten Fruchtbarkeitstänzen primitiver afrikanischer Urvölker hervorging, bei denen die weibliche Fruchtbarkeit ein zentrales Thema darstellte und damit wohl Becken- und Hüftbewegungen, die auch heute noch im orientalischen Tanz der Frauen (im Cabaret-Stil wie in der Folklore) als ein markantes Merkmal zu finden sind, in sakralen Tänzen eine wichtige Rolle spielten. Vor allem Ägypten spielte in der Entwicklung des heute bekannten Bauchtanzes eine wichtige Rolle. Schon im Alten Reich der altägyptischen Hochkultur begann der Tanz, sich von seinen sakralen Wurzeln zu lösen und im Laufe des Mittleren und Neuen Reiches entwickelte sich neben bestehenden sakralen Tänzen ein rein ästhetischer Schautanz zum Vergnügen der Oberschicht, beispielsweise beim Gastmahl, wie auf verschiedenen erhaltenen Wandmalereien zu sehen ist.



Vor allem im neuen Reich scheint der Unterhaltungstanz nicht zuletzt durch die Einfuhr nubischer und asiatischer Tänzerinnen einen stark femininen Charakter erhalten zu haben. Die Bewegungen wurden weicher und lebhafter, die Kostüme schmuckvoll und aufreizend. Einige Autoren, wie beispielsweise Dietlinde Karkutli, wollen in diesen Schautänzen schon eine Vorform des heutigen orientalischen Bauchtanzes erkennen.

Inwieweit sich der Orientalische Tanz in der folgenden Zeit unter griechisch-römischer und byzantinischer Herrschaft in Ägypten verändert hat, ist kaum feststellbar. Zeugnisse wie bildliche Darstellungen, Beschreibungen oder Statuetten gibt es aus dieser Zeit nur äußerst wenige. Weiterhin ist zu beachten, dass derartige Dokumente auch vorrangig nur die Tänze zeigten, die am Hofe der Oberschicht gängig waren. Über Tänze im Volk gibt es so gut wie keine Dokumente.

Erst ab dem 15 Jh. erfahren wir dank europäischer Reisebeschreibungen (so verzerrt und parteiisch sie auch sein mögen) wieder mehr über die Tanztradition in Ägypten und auch anderen orientalischen Ländern. Der Tänzerberuf hatte sich erhalten und war vorrangig auf die Familie der "Ghawazi" beschränkt, die am Rande der Gesellschaft lebte, vorrangig auf Volksfesten und in Lokalen auftraten und wegen ihrer Nebenbeschäftigung als Prostituierte einen äußerst zweifelhaften Ruf besaßen. Reisende beschrieben ihren Tanz oft als äußerst lasziv, unanständig aber auch faszinierend ob der Beweglichkeit ihrer Körper. Derweilen ist auch von männlichen Tanzknaben die Rede, vor allem zur Zeit des Osmanischen Reiches.



Neben diesen völkischen Tanzkünstlerinnen berichten Reisende auch von den "Awalim", angeseheneren Künstlerinnen, die mit Gesang und Dichtkunst und nur selten mit Tanz in den Frauengemächern wohlhabender Familien auftraten.

Einheimische Dokumente zu ägyptischen Tanzkünstlerinnen bis zum 20. Jahrhundert gibt es so gut wie keine, was mit der Tatsache zusammenhängt, dass der Tanz in der islamischen Kultur nie als hohe Kunst angesehen wurde und wird.

Inspiriert von diesen Reisebeschreibungen begannen nun, westliche Tänzerinnen wie Isadora Duncan, Maud Ellen und Martha Graham von orientalischen Klischee- und Fantasievorstellungen beeinflusste Tänze auf die Bühne zu bringen. Noch dazu lösten die exotischen Tänzerinnen als "Little Egypt" auf der Chicagoer Weltausstellung 1893 einen Bauchtanz-Boom in den Nachtclubs von Amerika und später in Europa aus.



Zum Ende des 19. Jh. gab es bedingt durch den Einfluss der europäischen Besatzungsmächte in Ägypten tiefgreifende Veränderungen im Tänzerberuf. Die angesehene Gruppe der Awalim sank herab zu gemeinen Volkskünstlerinnen, die in eigenen Künstlervierteln, vor allem herum um die Kairoer Muhammad Ali Strasse wohnten und ihre Geschäfte abwickelten und zahlreiche junge Talente versuchten ihr Glück in den von Europäern angelegten Nachtclubs. Während die Awalim eine recht traditionelle Tanzform beibehielten, versuchten die Tänzerinnen in den Nachtclubs, sich den europäischen Fantasievorstellungen anzupassen und begannen, Elemente aus europäischen Tänzen zusammen mit deren Fantasievorstellungen vom Orient mit dem eigentlichen orientalischen Tanz zu verknüpfen. Aus dieser modernen Fusion entwickelte der sich der klassische, glamouröse Bühnen-Bauchtanz, wie er heute über die ganze Welt hinweg bekannt ist.

Entscheidende Beiträge zur Kultivierung dieses freizügigen Unterhaltungstanzes leistete Badia Masabni, eine syrisch-libanesische Tänzerin, als sie den ersten einheimischen Club "Casino Badia" und später "Casino Opera" eröffnete, in dem sie auch Matinee-Vorstellungen allein für Frauen anbot und in welchem die erste Generation der modernen ägyptischen Bauchtanz-Stars wie Samia Gamal, Tahiya Carioca und Naima Akif hervorging.



Einen weiteren entscheidenden Beitrag leistete die neu aufkommende ägyptische Filmindustrie zu Beginn des 20. Jh. mit dem beliebten Genre des Musikfilms, durch den die moderne Form des ägyptischen Bauchtanzes sowie deren Stars in der ganzen arabische Welt und teilweise auch darüber hinaus bekannt wurden. So wirkte beispielsweise die ägyptische Startänzerin Samia Gamal in den 50er Jahren mit einer Tanzeinlage in Robert Taylors Hollywoodstreifen "Ali Baba und die 40 Räuber" und "Im Tal der Könige" mit.
Während die Clubs und die Filmindustrie vor allem die moderne Form des weiblichen Solotanzes förderte, gehen grundlegende Verdienste im Bereich der reichhaltigen ägypischen Folklore, die ja den Ursprung des professionellen Tanzes bildet und ihn jederzeit nachhaltig beeinflusst hat, auf den ägyptische Tänzer, Choreograph und später Kulturminister Mahmud Reda zurück. Er gründete 1959 die erste staatliche Folkloregruppe Ägyptens und verbrachte zusammen mit seiner Gruppe "firqat rida" viele Jahre damit, die verschiedenen Volkstänze Ägyptens zu erforschen und zur bühnenwirksamen Präsentation kombiniert mit Elementen des europäischen Balletts, jedoch trotzdem möglichst authentisch auf die Bühne zu bringen. Seinem Beispiel folgten zahlreiche weitere Gruppen.

Heute gibt es in Ägypten zahlreiche Folkloregruppen und Solotänzerinnen in Hotels und Nachtclubs, auch wenn die "Blüte" des orientalischen Tanzes in Ägypten seit mehreren Jahren schon zu verwelken scheint. Dafür erfreut sich diese Tanzform in der ganzen Welt immer größter Beliebtheit und hat vor allem im Ausland ein neues technisches Niveau sowie verschiedene völlig neue, westliche Formen gebildet: angefangen vom Bauchtanz mit Fantasieaccessoires wie Schleier, Säbel, Fackeln oder Kerzen etc. Über Tanzfusionen mit anderen Tänzen (Samba, Flameco etc.) bis hin zu reinen Neukreationen wie dem amerikanischen Tribal-Style, die nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Tanz orientalischer Länder gemein haben.

Die oben stehenden Ausführungen sollten Ihnen einen kleinen Überblick über die Entwicklung des Orientalischen Tanzes, vor allem in Ägypten, geben. Diese Darstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll nur die wichtigsten Eckdaten grob skizzieren! Sie stützt sich vor allem auf die Magisterarbeit "Professioneller einheimischer Tanz in Ägypten im 19. und 20. Jh.", die von Lina im Sept. 2008 an der Universität Leipzig eingereicht wurde.

Die bildlichen Darstellungen sind folgender Literatur entnommen:
• al-Bindari, G., "raqisat misr", dar ahbar al-yaum, Kairo 1958
• Karkutli, D. B., "Das Bauchtanz Buch", Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1997
• Lane, E. W., "Manners and customs of the modern Egyptians", Cosimo, New York 2005
• Lüscher, B., "Die Geschichte des Orientalischen Tanzes in Ägypten", Diwan-Verl., Zürich 2003

>>>Hier ein kleines QUIZ zum Thema "Hintergrundwissen im Orientalischen Bauchtanz"<<<